Huna – die hawaiianische Lehre vom verborgenen Wissen?

Veröffentlicht am 4. Oktober 2026 um 18:07

 

Im letzten Artikel haben wir uns mit dem Gedanken „Energie folgt der Aufmerksamkeit“ beschäftigt. Dabei sind wir auf das hawaiianische Prinzip Makia gestoßen – eines der sieben Prinzipien des modernen Huna.

Und das führt uns eigentlich zu einer noch viel grundsätzlicheren Frage:

Was genau ist Huna eigentlich?

 

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Was ist Huna eigentlich?

Wenn du dich im Internet mit diesem Thema beschäftigst, begegnen dir schnell Begriffe wie „altes hawaiianisches Geheimwissen“, „Kahuna-Lehre“ oder „uralte schamanische Tradition“. Klingt erst einmal ziemlich spannend, oder?

Aber stimmt das wirklich so?

Oder steckt hinter Huna vielleicht eine Geschichte, die ein bisschen komplexer ist, als sie auf den ersten Blick wirkt?

Schauen wir uns das doch einmal genauer an.

Was bedeutet Huna wirklich?

Das Wort huna selbst ist tatsächlich hawaiianisch.

In hawaiianischen Wörterbüchern finden sich Bedeutungen wie „verborgen“, „geheim“ oder „verbergen“. Das Wort ist also keineswegs eine Erfindung der modernen Huna-Bewegung.

Damit ist allerdings noch nicht gesagt, dass es im alten Hawaii eine geschlossene Lehre namens „Huna“ gab, die bereits genau so aufgebaut war, wie wir sie heute kennen.

Und genau hier beginnt die interessante Geschichte.

Denn die traditionelle hawaiianische Kultur besaß selbstverständlich eine tief verwurzelte spirituelle Welt – allerdings war diese nicht als ein einzelnes Lehrsystem organisiert, das man einfach „Huna“ nennen könnte.

Religion durchdrang vielmehr nahezu alle Bereiche des Lebens: Geburt und Tod, Landwirtschaft und Fischfang, soziale Ordnung, Politik, Heilung und die Beziehung zur Natur.

Die Welt der alten Hawaiianer

Die traditionelle hawaiianische Vorstellungswelt kannte zahlreiche Akua, also göttliche Wesen und Kräfte.

Daneben gab es die ʻAumākua – persönliche oder familiäre Ahnen-Gottheiten. Sie konnten beispielsweise mit bestimmten Tieren oder anderen Erscheinungsformen verbunden sein und wurden von den betreffenden Familien verehrt.

Auch Begriffe wie Mana gehören tatsächlich zur traditionellen hawaiianischen Welt. Mana lässt sich allerdings nicht einfach mit unserem heutigen Wort „Energie“ gleichsetzen. Es umfasst Vorstellungen von Kraft, Macht, Wirksamkeit und spiritueller Autorität.

Und es gab das Kapu-System, ein Geflecht heiliger Regeln und Verbote, das tief in den Alltag und die gesellschaftliche Ordnung hineinreichte. Bestimmte Menschen, Orte, Zeiten und Handlungen konnten als kapu – also heilig bzw. tabu – gelten.

Diese Welt war also wesentlich umfassender als das, was wir heute unter einem modernen spirituellen Lehrsystem verstehen.

Und auch der Begriff Kahuna bedeutet ursprünglich etwas anderes, als man aufgrund vieler moderner Darstellungen vermuten könnte.

Ein Kahuna war ein Fachkundiger oder Spezialist. Es gab beispielsweise religiöse Spezialisten, Heiler, Kräuterkundige oder Experten für den Kanubau.

Der Kahuna war also nicht automatisch ein geheimnisvoller „Hüter des Huna“.

Max Freedom Long (Screenshot Youtube)

Und dann kam Serge Kahili King

Die Geschichte des modernen Huna endete allerdings nicht mit Max Freedom Long.

Ein weiterer wichtiger Name ist Serge Kahili King.

King gründete 1973 Huna International und beruft sich auf eine Kahili-Familientradition, aus der er seine eigene Form des Huna entwickelte.

Auch bei King spielen die sieben Prinzipien eine zentrale Rolle.

Damit kommen wir wieder zu unserem Ausgangspunkt zurück:

Makia – Energie folgt der Aufmerksamkeit.

Doch Kings Huna ist nicht einfach eine unveränderte Fortsetzung dessen, was Long beschrieben hatte. Es gibt Unterschiede in den Begriffen, den Erklärungen und teilweise auch in der Darstellung der drei Selbste.

Das zeigt uns etwas Entscheidendes:

Huna ist keine völlig statische Lehre.

Es hat sich weiterentwickelt.

Also: uraltes Geheimwissen oder moderne Lehre?

Vielleicht ist genau das die spannendste Frage.

Max Freedom Long war überzeugt, ein sehr altes verborgenes Wissen wiederentdeckt zu haben. In seinen späteren Schriften ging er sogar davon aus, dass Huna sehr weit zurückreiche und Verbindungen zu alten Kulturen außerhalb Hawaiis habe.

Historisch lässt sich das allerdings nicht in dieser Form eindeutig belegen.

Auch Serge Kahili King räumt ein, dass niemand genau sagen könne, wann die verschiedenen Ideen, die heute unter Huna zusammengefasst werden, zu einer zusammenhängenden Philosophie wurden.

Und vielleicht müssen wir diese Frage auch gar nicht endgültig beantworten.

Denn eines lässt sich durchaus unterscheiden:

Es gab eine eigenständige und tief verwurzelte spirituelle Tradition Hawaiis.

Es gab und gibt hawaiianische Begriffe und Vorstellungen, die in dieser Tradition eine wichtige Rolle spielten.

Und im 20. Jahrhundert entstand daraus durch Menschen wie Max Freedom Long eine neue, systematisierte Lehre, die Huna genannt wurde und später unter anderem durch Serge Kahili King weiterentwickelt wurde.

Was davon nun unverändertes altes Wissen ist, was neu interpretiert wurde und was erst später zu einem zusammenhängenden System verbunden wurde, lässt sich nicht in jedem Punkt eindeutig beantworten.

Vielleicht ist gerade das der Grund, warum Huna bis heute so faszinierend geblieben ist.

Hawaiianischer Kunstandwerker zwischen Tradition und modernem Tourismus
Bild von Peter Namayan Beck auf Pixabay

Max Freedom Long und die Entstehung des modernen Huna

Damit kommen wir zu einem Mann, ohne den es das Huna, wie wir es heute kennen, wahrscheinlich nicht gäbe:

Max Freedom Long.

Long kam 1917 nach Hawaii, wo er als Lehrer arbeitete. Er berichtete später von Erzählungen über die Fähigkeiten hawaiianischer Kahuna und begann, sich intensiv mit diesen Vorstellungen auseinanderzusetzen.

Besonders wichtig wurde für ihn der Kontakt zu William Tufts Brigham, einem Wissenschaftler und langjährigen Forscher auf Hawaii.

Long beschreibt selbst, dass er ab 1919 mit Brigham zusammenarbeitete und dessen gesammeltes Material studierte. Durch die Untersuchung hawaiianischer Begriffe und ihrer Wortbestandteile glaubte Long schließlich, die Grundzüge eines verborgenen Systems erkennen zu können.

Dieses System nannte er Huna.

Long veröffentlichte ab den 1930er-Jahren Bücher und später zahlreiche Rundbriefe, in denen er seine Vorstellungen weiterentwickelte.

Und hier wird es interessant.

Denn Long selbst bezeichnete Huna in seinen späteren Schriften einerseits als ein uraltes System, das von den Kahuna bewahrt worden sei. An anderer Stelle bezeichnete er Huna dagegen ausdrücklich als ein psychologisches System, dessen Bezugsrahmen auf alten hawaiianischen Vorstellungen beruhe – und nicht als ein hawaiianisches System oder eine hawaiianische Religion.

Seine eigenen Aussagen zeigen also bereits, dass die Geschichte nicht ganz so einfach ist.

Alte Begriffe – neue Zusammenhänge

Besonders deutlich wird das an Longs Vorstellung von den drei Selbsten.

Long verwendete dafür die hawaiianischen Begriffe:

ʻUnihipili – das „niedere“ bzw. unterbewusste Selbst

ʻUhane – das bewusste bzw. mittlere Selbst

ʻAumakua – das höhere Selbst

Diese Begriffe sind tatsächlich hawaiianisch.

Aber ihre traditionelle Bedeutung entspricht nicht einfach Longs späterem Modell.

So bezeichnete ʻUnihipili in älteren hawaiianischen Quellen einen bestimmten Typus von Geist bzw. den Geist eines Verstorbenen.

ʻUhane steht traditionell unter anderem für Seele oder Geist.

Und ʻAumākua bezeichnete in der traditionellen hawaiianischen Welt familiäre bzw. persönliche Ahnen-Gottheiten.

Long nahm also tatsächlich vorhandene hawaiianische Begriffe und ordnete sie innerhalb seines eigenen Systems neu.

Das macht seine Arbeit nicht automatisch wertlos.

Das macht seine Arbeit nicht automatisch wertlos.

Aber es bedeutet, dass wir unterscheiden sollten zwischen:

dem traditionellen hawaiianischen Begriff

und

der Bedeutung, die Long ihm innerhalb seines Huna-Systems gab.

Gerade diese Unterscheidung wird wichtig, wenn wir Huna verstehen wollen.

Huna und die entstehende Psychologie

Dabei fällt noch etwas auf.

Long beschäftigte sich nicht zufällig mit Fragen, die uns heute vertraut vorkommen.

Er bezeichnete Huna ausdrücklich als ein System der Psychologie und stellte sein Modell von Bewusstsein und Unterbewusstsein den Entwicklungen der modernen Psychologie gegenüber.

Das war eine interessante Zeit.

Während sich in Europa und Amerika die moderne Psychologie zunehmend mit Bewusstsein, Unbewusstem und der menschlichen Psyche beschäftigte, entstanden gleichzeitig neue Formen der Spiritualität und der Beschäftigung mit alten religiösen Traditionen.

Auch wenn daraus keine direkte Verbindung zwischen Huna und beispielsweise Freud oder Jung abgeleitet werden kann, sind gewisse Parallelen in den Fragestellungen durchaus bemerkenswert.

Was macht unser Bewusstsein aus?

Was wirkt unterhalb unserer bewussten Wahrnehmung?

Gibt es unterschiedliche Ebenen unseres Erlebens?

Und was bedeutet es eigentlich, „ich selbst“ zu sein?

Diese Fragen sind keineswegs ausschließlich modern.

Long gab ihnen seine eigene Antwort.

Serge Kahili King lehrt Huna

Foto: Jörg Kunze  -  selbst fotografiert

Einzelheiten zur Genehmigung
mit der ausdrücklichen Genehmigung der fotografierten Person (Serge Kahili King)
Quelle: Wikipedia Lizenz:  CC BY-SA 3.0

 

Ein Blick nach vorn

„Energie folgt der Aufmerksamkeit“ ist nicht einfach nur ein moderner Spruch, sondern steht innerhalb einer Huna-Tradition im Zusammenhang mit einer ganzen Reihe weiterer Prinzipien.

Und genau diese sieben Prinzipien möchte ich mir im nächsten Artikel etwas genauer ansehen.

Vielleicht entdecken wir dabei, dass hinter scheinbar einfachen Sätzen wesentlich mehr steckt, als man zunächst vermutet.

Die Reise durch Huna geht also weiter.

Quellen und weiterführende Literatur

Für diesen Artikel habe ich mich insbesondere auf hawaiianische Wörterbücher und historische Darstellungen zur traditionellen hawaiianischen Kultur sowie auf die Originalschriften von Max Freedom Long und Veröffentlichungen von Serge Kahili King gestützt.

Besonders hilfreich waren:

  • Pukui & Elbert – Hawaiian Dictionary / Wehewehe Hawaiian Language Dictionaries – für die traditionellen Bedeutungen hawaiianischer Begriffe.

  • National Park Service – Hawaiʻi: Religion, Beliefs & Spirituality – zur traditionellen hawaiianischen religiösen Welt.

  • Max Freedom Long – Original writings on Huna – insbesondere seine Darstellung der Entstehung und Entwicklung seines Huna-Systems.

  • Serge Kahili King / Huna International – The History of Huna und weitere Texte zur Kahili-Tradition.

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